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Die Musik, aktiv ausgeübt, ist eine ganz grosse Bereicherung

(vgl. Schaffhauser Nachrichten vom 18. Juni 2008)

Von Simon Burr

Am vergangenen 28. Mai konnte Rita Wolfensberger ihren 80. Geburtstag feiern. Dem Konzertgänger dürfte die würdige Dame als Rezensentin aus den Schaffhauser Nachrichten, der NZZ und dem Landboten bekannt sein. An ihre Konzertauftritte als ausdrucksstarke Pianistin, vor allem als Kammermusikerin mit ihrem Trio, werden sich nur noch die Leser/innen älteren Jahrgangs bestens erinnern.

Dass sie sich jedoch immer engagiert der Musikpädagogik widmete, ist den wenigsten bekannt. Neben ihrer Tätigkeit als Klavierlehrerin setzte sie sich intensiv im Schweizerischen Musikpädagogischen Verband SMPV für die Sache der Musikerziehung ein. Rita Wolfensberger machte 1960 zum ersten Mal an einer Generalversammlung des SMPV Schaffhausen auf sich aufmerksam. Im Protokoll der Vorstandssitzung vom 1. Dez. 1961 schreibt da ein gewisser E. Villiger: «Frl. R. Wolfensberger hat sich bereit erklärt, das Aktuariat zu übernehmen, vorausgesetzt, dass sie die Protokolle mit Maschine schreiben darf.» An der GV 1962 wurde sie dann auch gewählt - schrieb die Protokolle aber dennoch sechs weitere Jahre lang von Hand ins Protokollbuch... Bis 1987 war sie Vorstandsmitglied des SMPV Schaffhausen, die letzten vier Jahre dessen Präsidentin. Parallel dazu war sie auch auf nationaler Ebene aktiv: Von 1977-1993 gehörte sie dem Zentralvorstand des SMPV Schweiz an. Heute ist sie Ehrenmitglied des SMPV Schweiz und des SMPV Schaffhausen - nach dem Tod von Edwin Villiger dessen einziges.

SH_Wolfensberger_3.jpgBrigitte Scholl, Zentralpräsidentin des SMPV Schweiz, erinnert sich in der Schweizer Musikzeitung SMZ Nr.5/2008 an ihre erste Begegnung mit Rita Wolfensberger, wobei sie sofort spürte, «dass dies eine besondere Frau war, eine Besessene im guten Sinn des Wortes ... Rita ist für mich eine Vollblutmusikerin ... Aus ihrer Begeisterung für die Musik erwächst ihr der innere Auftrag, Begeisterung mit andern zu teilen».

Aus Anlass des runden Geburtstages führten wir mit Rita Wolfensberger ein Gespräch. Was als 15-minütiges Interview geplant war, entwickelte sich zu einer angeregten Diskussion über eine Stunde, welche hier auszugsweise zitiert wird.




Als 80-Jährige stehen Sie immer noch aktiv mitten in der Welt der Musik. Welches sind die Wurzeln, die Ihr musikalisches Leben geprägt haben?
R.W. In meiner ganzen Familie existierte niemand, der Musik auch nur annährend auf professionellem Niveau ausgeübt hätte. Ich bin also so zu sagen ein erratischer Block in meiner Verwandtschaft! Mein Grossvater mütterlicherseits war Fabrikdirektor in Oberitalien, und einmal im Jahr fuhr dieser nach Mailand, um einen Opernabend in der Scala zu geniessen. Meine Mutter erzählte mir später, dass er nach seiner Rückkehr jeweils wie ein Wesen von einem anderen Planeten wirkte. Er habe innerlich Melodien gehört, vor sich hin gesummt und sei fast vierzehn Tage lang für nichts zu gebrauchen gewesen, bis er sich wieder in seinem Alltag zurecht gefunden habe. Anscheinend hat da eine phänomenale Beziehung zur Musik bestanden.
Meine Mutter dann durfte Klavier spielen lernen, brachte es aber nicht weit... Mein Vater hingegen hatte als erfolgreicher junger Mann die Möglichkeit, eine Arbeitsstelle im Ausland anzutreten, wo er sich aber sehr einsam fühlte. So begann er als 20-Jähriger, Klavierstunden zu nehmen, um sich die leeren Abendstunden mit dem Klavierspiel zu füllen.

Wie fanden Sie selbst den Weg zur Musik?
R.W. Wir hatten zuhause ein Klavier - das Hochzeitsgeschenk meiner Grosseltern an meine Eltern. Auf diesem klimperte ich bereits als kleines Kind herum, bevor ich dann mit acht Jahren in den Klavierunterricht gehen durfte. In der zweiten oder dritten Klasse der Primarschule wurden wir nach unseren Berufswünschen gefragt, worauf ich mit «Komponistin oder Erfinderin» antwortete. Später wurde mir bewusst, dass dies beides schöpferische Berufe gewesen wären. Und obwohl ich schliesslich keinen schöpferischen Beruf erlernt und ausgeübt habe, hat dieser Drang meine Arbeit und mein ganzes Leben doch sehr stark beeinflusst. Denn schliesslich können sowohl die Pädagogik wie auch die musikalische Interpretation und ebenso die Konzertberichterstattung nur erfüllend und erfolgreich sein, wenn man immer wieder von neuem Noch-nie-Dagewesenes kreieren will.

Wie hat sich im Rückblick über die vielen Jahre, in welchen Sie nun schon als Musikerin, Musikpädagogin, Prüfungsleiterin und Staatsexpertin und nicht zuletzt als Rezensentin tätig sind, die Welt der Musik verändert?
R.W. Subjektiv haben sich für mich die Bezugspunkte zur Musik nicht oder nur unwesentlich verändert. Aber das ist subjektiv!
Objektiv hat sich jedoch vieles verändert, wenn ich sehe, wie die angehenden Musikpädagogen bereits in ihren Prüfungslektionen mit den Schülern stilistisch ein viel breiteres Feld beackern. Da werden Jazz und die moderneren populären Musikstile in den Unterricht integriert und Improvisation ist mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Wird in den heutigen Medien über Musik gesprochen, so ist kaum einmal die Rede von Brahms oder Beethoven, sondern von den Exponenten der populären Musik. Da ist es klar, dass dies auch in den Unterricht einfliessen muss.
Aber für mich persönlich haben sich - wie gesagt - die Bezugspunkte kaum verändert.

Sie sind immer noch als Klavierpädagogin tätig und unterrichten teilweise Leute, die Sie im Alter noch überrunden. Was ist der Sinn und für Sie auch der Reiz des Unterrichts mit Menschen in Ihrem Alter?
R.W. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr» nicht stimmt, wenigstens nicht, was die Musik betrifft! Ich habe zwei Schülerinnen, die über 90 sind, und stelle natürlich fest, dass die Leistungsfähigkeit und die Leistungsgeschwindigkeit abnehmen. Sie beklagen sich dann, sie hätten früher immer viel schneller Fortschritte gemacht. Und dann erkläre ich ihnen, dass es für sie nun nicht mehr darum gehe, Fortschritte zu machen, sondern darum, den Kontakt zur Musik zu behalten. Im Alter - das weiss ich, ich bin ja schliesslich nun auch schon 80 - muss man damit fertig werden, dass man für alles mehr Zeit braucht. Ich habe schon vor langem gesagt, dass es im Unterricht mit Erwachsenen nicht primär darum geht, schnelle Fortschritte zu machen, sondern in erster Linie darum, den Horizont zu erweitern. Die Musik, aktiv ausgeübt, ist eine ganz grosse Bereicherung des Lebens.
Der SMPV ist der grösste schweizerische Berufs­verband im Bereich Musik und Bildung. Er besteht aus einem Zentralverband und 15 regionalen Sektionen. Er bietet seinen Mitgliedern ein breites Spektrum an Dienstleistungen an und setzt sich für ihre beruflichen Interessen ein.

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